Issue 9(1), 2026
DOI: 10.64081/mvmnts-9.1-2703
© Verein zur Förderung der kritischen Migrations- und Grenzregimeforschung e.V., Göttingen

10 Jahre zivile Seenotrettung im Mittelmeer

Der Streit um Demokratie im mediterranen Grenzregime

Mareike Gebhardt , Lena Laube , Maria Ullrich

Seit nunmehr zehn Jahren sind zivile Seenotrettungsorganisationen im zentralen Mittelmeer aktiv, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten und dokumentierte Grenzgewalt zur Diskussion zu stellen. In den Jahren 2014/2015 gründeten sich die ersten Organisationen und stachen in See. Seitdem ist viel passiert – viele SAR (Search and Rescue) NGOs haben sich zunehmend professionalisiert und auch politisiert; einige von ihnen haben ihre Tätigkeiten im Mittelmeer eingestellt oder widmen sich anderen Themen; neue SAR NGOs kommen bis heute hinzu. Die zivile Seenotrettung (ZSNR), anfangs kaum beachtet, hat inzwischen eine enorme Wirkkraft entfaltet und breite Allianzen der Solidarität geschmiedet. Während zu Beginn zunächst unterstützende oder zumindest wohlwollende Stimmen dominierten, polarisiert das Thema der ZSNR zunehmend und sieht sich mit massiven Anfeindungen und wachsender Kriminalisierung konfrontiert (Cusumano/Villa 2021; Alagna 2024). Die SAR NGOs haben sich zu einer Pluralität an Stimmen ausdifferenziert: Einige NGOs betonen den humanitären Imperativ des Rettens; andere insistieren auf die politische Dimension der Seenotrettung, die sich mit anderen linken Kämpfen, z.B. Klimagerechtigkeit, Feminismus, Anti-Rassismus, solidarisiert.

Vieles ist jedoch auch unverändert: noch immer sterben people on the move im Mittelmeer; noch immer (ja, mehr noch zunehmend) sind Grenz- und Migrationspolitik – national wie supranational – auf Eindämmung, Repression, Kontrolle und Versicherheitlichung angelegt; noch immer übernimmt die Europäische Union (EU) kaum Verantwortung für das systematische Sterbenlassen von Schwarzen Personen und People of Color auf ihrem Weg nach EUropa. In dieser gesellschaftspolitischen Gemengelage und angesichts der komplexen soziokulturellen Aushandlungsprozesse betrachten wir in diesem Heft die ZSNR sowohl als konkrete Praxis des Nicht-Sterbenlassens als auch als Diskurs; letztlich als einen Kristallisationspunkt eines Streits um Demokratie.1 In der Praxis und dem Diskurs kristallisieren sich Fragen nach der Ausgestaltung der normativen Ordnung EUropas ebenso heraus wie die Frage nach möglichen Zukünften eines demokratischeren Europas, das dem Schutz der Menschen- und Minderheitenrechte verpflichtet und sich seiner (kolonialen) Machtverhältnisse viel deutlicher bewusst ist. Die Betrachtung von ZSNR als Praxis und Diskurs ermöglicht die Erfassung der Heterogenität der Akteure sowie ihrer Tätigkeiten, der zeitlichen Entwicklungen der ZSNR innerhalb der – historischen wie soziopolitischen – Chronologien des mediterranen Grenzregimes und der situativen Kontexte, in denen zivile Seenotretter*innen und ihre Unterstützer*innen (Laube/Ullrich 2023) agieren.

Um die verschiedenen Facetten und Elemente dieses Kristallisationspunktes herauszuarbeiten, widmen wir uns in diesem Heft anlässlich eines bemerkenswerten ›Jubiläums‹ der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer einer Reflexion über ihre Rolle als inzwischen zentraler Akteur des mediterranen Grenzregimes – und eben als Kristallisationspunkt des Streits um die (Zukünfte der europäischen) Demokratie.

Zivile Seenotrettung kollaborativ erforschen

Mit seiner inter- und transdisziplinären Ausrichtung an der Schnittstelle von Demokratieforschung und kritischer Migrations- und Grenzregimeforschung stellen wir in diesem Heft eine erweiternde Forschungsperspektive vor: Dichte empirische Analysen zur ZSNR werden in einen engen Dialog mit radikaldemokratietheoretischen und postkolonialen Debatten gebracht, um die Praxis der und den Diskurs über die ZSNR in ihrer bzw. seiner Komplexität zu erfassen und deren politische Rolle (bspw. als Projektionsfläche oder strategisches Mittel) im Streit um Demokratie verorten zu können. Dabei versammeln wir wissenschaftliche Beiträge und Werkstattberichte mit aktivistischen und künstlerischen Interventionen, um die Multivokalität des Diskurses ein Stück wiedergeben zu können. Diese Assemblage verfolgt eine Form der kollaborativen Wissensproduktion, die verschiedene Stimmen hörbar macht und damit Prozesse der Wissensproduktion dezentriert.

Den theoretischen Hintergrund bilden radikaldemokratietheoretische Ansätze, insbesondere diejenigen Jacques Rancières (2002) und Jacques Derridas (1992; 2019 [2003]), die mit feministischen, diskursanalytischen und postkolonialen Theorien verschränkt werden, wodurch die Aushandlungsprozesse um die ZSNR möglichst multiperspektivisch erfasst werden können. Um diese theoretische Perspektivierung mit empirischer Forschung zu ZSNR zu verbinden, enthält das Heft Beiträge, die eine kritische empirische sozial- und kulturwissenschaftliche Methodik mit einer theoretischen Betrachtung kombinieren. In der konkreten Zusammenarbeit mit allen Autor*innen des Bandes hat sich gezeigt, dass sich unsere Fokussierung einer kritischen Reflexion von Streit und Aushandlungsprozessen ebenfalls sehr gut für einen transdisziplinären Dialog eignet. Auch an der außerwissenschaftlichen Praxis Beteiligte setzen in ihrer Auseinandersetzung mit der ZSNR im mediterranen Grenzregime oft an ungelösten Widersprüchen und verfestigten Verwerfungen an. Wir verfolgen damit eine selbstreflexive und wissenschaftskritische Perspektive, die den kollaborativen Austausch zwischen Autor*innen und Reviewer*innen sowie zwischen wissenschaftlichen Akteuren und Akteuren der außerwissenschaftlichen Praxis für die Ko-Produktion von Wissen nutzt.

Zur macht- und herrschaftskritischen Freilegung des Spannungsfeldes des Streits um die ZSNR im Mittelmeer widmet sich das Heft zum einen der Praxis der zivilen Akteure im mediterranen Grenzregime. Eine differenzierte Betrachtung der Akteurskonstellationen und die Vielschichtigkeit ihres Zusammenwirkens tragen in innovativer Weise zur bestehenden Forschung im Bereich der EUropäischen Migrationspolitik und ihres Grenzregimes bei: So haben wir transdisziplinäre Beiträge zusammengebracht, die die Perspektiven der Seenotretter*innen, der people on the move, ihrer Familien und Freund*innen, der Küstenstaaten mit ihren Küstenwachen sowie der an Land engagierten Unterstützer*innen und Gegner*inner der Rettungspraxis aufgreifen. Bei der Analyse der Praxis stellen sich insbesondere Fragen nach der Entwicklung der verschiedenen Organisationen und ihrer Rolle im externalisierten Grenzraum. Dabei stehen Relationen untereinander sowie zu anderen Akteuren des Grenzregimes ebenso im Mittelpunkt der Beiträge wie Formen der Zusammenarbeit und (widerständige) Handlungsspielräume.

Weiterhin fragen die Beiträge danach, wie ZSNR im europäischen Diskurs aufgegriffen wird: wie also über diskursive Praktiken ihre Rolle und Bedeutung von unterschiedlichen Positionen aus verhandelt und wie über sie und von SAR NGOs selbst Wissen (über Migration, über Seenotrettung, über das Sterbenlassen im Mittelmeer) produziert und zirkuliert wird. Hier fragen die Beiträge nach diskursiv-narrativen Strategien der SAR NGOs, ihrer Unterstützungsszenen wie auch ihrer Gegner*innen. Des Weiteren werden politisch-historische und koloniale (Dis-)Kontinuitäten des EUropäischen Grenzregimes (Gutiérrez Rodríguez 2018; Kerner 2021; Picozza 2021) in den Blick genommen. Dafür analysieren die Beiträge Aus- und Einschlüsse sowie die Un-/Sichtbarkeitsregime, die im mediterranen Grenzraum wirken und durch die die Präsenz der ZSNR zum Gegenstand des Streits wird.

Hintergrund der Zusammenarbeit mit den Ko-Autor*innen dieses Heftes war eine Förderung der Gerda Henkel Stiftung im Förderschwerpunkt »Demokratie«, die uns die Gründung der Forschungsgruppe »Zivile Seenotrettung als Kristallisationspunkt des Streits um Demokratie« (ZivDem) ermöglichte.2 Die Gruppe, geleitet von Lena Laube und Mareike Gebhardt, forscht von 2022 bis 2026 an den Universitäten Bonn und Münster zur zivilen Seenotrettung im Mittelmeer. Ko-finanziert durch das Forum Internationale Wissenschaft der Universität Bonn untersucht das Projekt die Praxis der zivilen Seenotrettung sowie den dazugehörigen europäischen Diskurs aus soziologischen, politikwissenschaftlichen, kulturanthropologischen und demokratietheoretischen Perspektiven. Dabei wird die These verfolgt, dass sich im Umgang mit der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer ein grundlegender Streit darüber entfaltet, was demokratisch sei – eine Fragestellung, die wir in diesem Heft zentral setzen und gleichzeitig im Kontext breiter gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse verorten.

Ein zentraler Baustein der transdisziplinären Wissensproduktion, die sich in den verschiedenen Beiträgen – wissenschaftlich wie auch ›interventionistisch‹ – manifestiert, war ein Autor*innen-Workshop im März 2024 an der Universität Münster. Mit ihm wollten wir möglichst viele Beitragende in einem Raum für ein kritisches, solidarisches und vor allem auch gemeinschaftliches Gespräch – in drei, manchmal auch vier Sprachen mit z.T. improvisierter Übersetzung durch Teilnehmende – zusammenbringen. Dabei blieb der Workshop von den Regularien und Verfahren des EUropäischen Migrations- und Grenzregimes nicht unberührt: Wie im ungleichheitsproduzierenden Mobilitätsregime vorgesehen, war für manche von uns der Weg nach Münster mit erheblichem zeitlichem und finanziellem Aufwand, Unsicherheiten und Kontrollen verbunden.

Der Workshop diente auch dazu, eine möglichst gemeinsame Sprache zu finden, die die verschiedenen Erfahrungen, Arbeitsweisen und Blickwinkel transdisziplinär zusammenbringen und das Gespräch zwischen politischer Theorie und sozialwissenschaftlicher Empirie vertiefen und schärfen würde (Gebhardt et al. 2022; Ullrich 2025). Dass wir angesichts der Heterogenität der Gruppe und mancher Sprach- oder Übersetzungshürde einen so konstruktiven und polyphonen gemeinsamen Dialog über die ZSNR im Mittelmeer und das mediterrane Grenzregime finden konnten, hat all unsere Erwartungen übertroffen. Wir möchten allen, die zum Gelingen dieses Projektes, das wir mit dieser Veröffentlichung nun erst einmal beschließen, ganz herzlich für die solidarische Anteilnahme, das Zuhören, das Teilen von (persönlichen) Geschichten, die Empathie und schließlich auch für die viele Arbeit, die in jeden Beitrag floss, bedanken.

Zivile Seenotrettung und die Auseinandersetzungen um Demokratie im mediterranen Border Death Regime

Im Jahr 2026 blicken wir nun auf etwas mehr als zehn Jahre ZSNR im (zentralen) Mittelmeer zurück. Unter ziviler Seenotrettung verstehen wir das praktische Engagement von Akteuren der Zivilgesellschaft (Einzelpersonen, Gruppen oder Nicht-Regierungsorganisationen), das sich auf das Beheben eines vorgefundenen Missstandes, nämlich dem wiederholten und normalisierten Sterbenlassen von Personen – vermeintlich aufgrund ihrer fehlenden EU-Bürger*innenschaft – auf (hoher) See richtet. Es kommen dabei in der Regel vier Tätigkeitsbereiche zusammen: Erstens, eine Kritik an der gegenwärtigen Handhabung der Situation durch (andere) Akteure des Grenzregimes. Zweitens, die praktische Intervention in Form von Such- und Rettungsaktionen auf (hoher) See. Drittens, die Dokumentation des Geschehens während der Präsenz der Rettungsschiffe im Grenzraum sowie, viertens, das Einspeisen des Wissens über die Situation vor Ort zur Mobilisierung von Akteuren, die darauf drängen, diese Lage zu beenden (Laube/Ullrich 2023: 169). Von ziviler Seenotrettung sprechen wir bereits, wenn mindestens die zwei Bereiche Intervention und Mobilisierung zusammenkommen.

Die ersten SAR NGOs gründeten sich, um insbesondere nach dem Ende der italienischen Seenotrettungsoperation Mare Nostrum der EUropäischen Politik des Sterbenlassens eine zunächst vor allem humanitär gedeutete Praxis des Rettens entgegenzustellen. Die Einsätze der aus den SAR NGOs bestehenden »humanitären Flotte« (Stierl 2018) beruhen dabei auf der internationalen rechtlichen Verpflichtung (insbesondere dem internationalen Seerecht und der Europäischen Konvention für Menschenrechte), in Seenot geratene Menschen zu retten und in den nächstgelegenen sicheren Hafen zu bringen (Farahat/Markard 2020). Gemäß der Verpflichtung Europas zur Genfer Flüchtlingskonvention sichert die Verbringung in einen sicheren europäischen Hafen Schutzsuchenden die Möglichkeit, dort ihre Anliegen vorzubringen, weshalb auch Fragen von Asyl und Aufnahme im Streit um die ZSNR relevant werden.

Seit 2014 sind nach unseren Recherchen 26 NGOs unter verschiedenen Flaggen und mit Sitz in verschiedenen (meist europäischen) Ländern im zentralen Mittelmeer tätig gewesen (Stand August 2025), die sich häufig für diesen Zweck gegründet oder aber als bereits bestehende Organisationen entschieden haben, in der Seenotrettung aktiv zu werden. Im Zuge zunehmender Kriminalisierung und diskursiver Diffamierung, die sich speziell auf die Tätigkeiten der NGOs und nicht auf die der staatlichen Akteure richten, obwohl letztere den Großteil der Rettungen im zentralen Mittelmeer durchführen, haben einige Organisationen ihre Arbeit beendet. Sie waren auch nicht angetreten, mittelfristig die Aufgabe europäischer Staaten zu übernehmen. Vielmehr sahen sie eine Notwendigkeit, dort, wo staatliche Rettung nicht mehr existierte, in die Bresche zu springen.

»Eigentlich hat sich die zivile Seenotrettung ja so gegründet als quasi – ja, wir müssen JETZT was tun. Mare Nostrum wurde beendet, die italienische Seenotrettungsmission, weil die EU sich nicht beteiligt hat. Und darauf, also es war Ende 2014, nach einem Jahr und nach sehr vielen Rettungen und dann gab es gar nichts mehr. Und daraufhin hat sich eben die zivile Seenotrettung gegründet und eigentlich – ja, mit dem Gedanken als Lückenfüller quasi und nicht für lange.« (Interview mit einer SAR NGO, geführt 2022 von Maria Ullrich)

Uns sind während der Feldforschung im ZivDem-Projekt immer wieder derartige Aussagen von Akteuren der ZSNR begegnet, deren Tenor in etwa lautet: Eigentlich ist das Ziel der ZSNR ihre Auflösung, nicht mehr zu existieren, weil sie nicht mehr gebraucht wird; entweder weil es eine staatlich finanzierte Rettungsinfrastruktur gibt, die Menschenrechte achtet, oder weil es sichere Fluchtwege nach EUropa gibt.

Einige NGOs wurden durch erhebliche staatliche Restriktionen zur Beendigung oder Aussetzung ihrer Arbeit gezwungen. Weiterhin aktive NGOs und sich neu gründende NGOs sehen ihre Arbeit durch diese Einschränkungen und die zunehmende Vielfalt an Kriminalisierungsstrategien stark behindert (Alagna/Cusumano 2023; Alagna 2024).3 Angesichts der anhaltenden hohen Todeszahlen bei Überfahrten setzen sie trotz hoher Hürden ihr Engagement im Mittelmeer fort (Laube/Eisleb 2021). Nicht nur haben sich ihre Einsätze und Arbeitsweisen über die letzten Jahre stark gewandelt, z.B. hinsichtlich ihres Professionalisierungsgrades. Gleichzeitig haben sich die Organisationen, mitunter in Reaktion auf die Restriktionen, politisiert: Sie beharren auf ihrem Nein zur EUropäischen Grenz- und Migrationspolitik, die die Toten im Mittelmeer billigend in Kauf nimmt.

In Anlehnung an radikale Demokratietheorien (Comtesse et al. 2019) verstehen wir dieses Nein der zivilen Seenotrettung als politische Intervention in die polizeiliche Ordnung des mediterranen Grenzregimes. Die NGOs formulieren ihre Kritik als einen demokratisierenden Akt im Streit um die Gestaltung von Grenzen und letztlich um die (Zukünfte der) europäischen Demokratie. Denn aus einer radikaldemokratietheoretischen Perspektive ist Demokratie mehr als nur eine Regierungsform. Sie ist eine lebendige Praxis des Streits (Rancière 2002; Gebhardt 2020a). Durch demokratisierende Praktiken werden sowohl die majorisierte Meinung als auch konkrete Politiken (policies) herausgefordert. Die Praxis der ZSNR ist Teil dieses umfassenden Dissenses mit dem normalisierten Sterbenlassen im Mittelmeer durch »death by policy« (UNITED o.J.: o.S.) durch die nationalen wie auch supranationalen Regierungen EUropas.

Darüber hinaus hinterfragt eine demokratisierende Praxis des Neins die Zählweisen und arithmetischen Logiken der »Post-Demokratie« (Rancière 2002: 111), die den »Anteil der Anteillosen« (Rancière 2002: 99) stets invisibilisieren. Die Frage danach, ob diejenigen, die durch Statistiken – z.B. das Missing Migrants Projects der Internationalen Organisation für Migration (IOM) – gezählt werden, tatsächlich zählen, ist dabei ein zentrales radikaldemokratietheoretisches Motiv (Tazzioli 2015; Butler 2016: xx; Gebhardt 2020b). Diese Frage war in der Feldforschung ebenso präsent wie in den Gesprächen während des Autor*innen-Workshops. So sprach eine unserer Gesprächspartner*innen während eines Interviews von einer »Todesmathematik«, mit der sich zivile Seenotretter*innen konfrontiert sehen (Interview mit Anja*, geführt 2023 von Sarah Spasiano4). Auf dem Workshop berichtete Khalid Abaker uns davon, wie er selbst und diejenigen, die er während seiner eigenen Flucht kennenlernte, sich mehrfach auf ihrem Weg für die Inkaufnahme des sozialen wie leiblichen Todes entschieden hätten. Diese Entscheidung wird nicht erst getroffen, wenn Personen vor einem seeuntauglichen Boot irgendwie an der libyschen oder tunesischen Küste stehen. Sie ist eine der ersten Entscheidungen, die Personen, die sich in Bewegung setzen und ihre soziale Identität hinter sich lassen, um nach EUropa zu gelangen, überhaupt treffen. Diese »Entscheidung«, so Abaker, ist eine für die Freiheit, die selbst durch Freiheit gekennzeichnet ist – so gleiten Tod und Freiheit »metonymisch« (Ahmed 2004) und machen die Entscheidung, zu gehen, zu einer für den Tod und für die Freiheit (siehe dazu auch: Baldini/Abaker 2024 und den Beitrag von Khalid Abaker in diesem Heft). Dieses Beispiel ist nur eines von vielen, das die widerständigen Praktiken von people on the move aufzeigt.

Aus der Perspektive der radikalen Demokratietheorie legen widerständige Praktiken die strukturell verankerten, rassifizierten, vergeschlechtlichten und neo-/post-kolonialen Machtverhältnisse (liberal-)demokratischer Systeme bloß. Sie halten jedoch am Begriff der Demokratie fest, um deren Demokratisierungspotentiale aufzuzeigen. Die breiten politischen und zivilgesellschaftlichen Aushandlungsprozesse, die sich aufgrund des tödlichen Ausschlusses durch die EUropäische Grenzpolitik um die (zivile) Seenotrettung im Mittelmeer formieren, identifizieren wir als einen Motor dieser Demokratisierung und als ein besonders relevantes Thema im Streit um die normativ-politischen Ordnungen EUropas. Diese Aushandlungsprozesse sind für sehr unterschiedliche Akteure zu einem Zugriffspunkt geworden, um das EUropäische Grenz- und Migrationsregime in den Blick zu nehmen: Rechtsautoritäre Akteure sehen in der ZSNR eine Gefahr für eine ›völkisch‹ definierte Demokratie. In rechtskonservativen und (extrem) rechten Diskussionen beobachten wir, wie Migrant*innen, Geflüchtete und Asylsuchende of Color als äußere Bedrohung einer inneren weißen Ordnung markiert werden, um dementsprechend eine rassistische (Migrations- und Asyl-)Politik zu quasi-legitimieren. Zugleich identifiziert die extreme Rechte zivile Seenotretter*innen als »innere Feinde« (Johann Gottlieb Fichte, zitiert in: Balibar 2002 [1993]: 78), die durch ihr Handeln ebenfalls die innere Ordnung gefährden (siehe Beitrag von Laila Riedmiller in diesem Heft). Dabei werden Aktivist*innen der ZSNR meist in das Lager der sogenannten links-grün-versifften social justice warrior eingeordnet, die durch ihren Aktivismus die nationalistisch-cis-patriarchale Ordnung unterwandern und zur vermeintlichen Krise der Demokratie (!) beitragen. Das demokratische Gemeinwesen wird dabei in den Augen der extremen wie auch der konservativen Rechten als homogen, einheitlich und pur imaginiert. Sowohl die inneren als auch die äußeren Feinde kontaminieren diese ethno-nationalistische und rassistische Vorstellung einer souverän-maskulinistisch-nativistischen und autochthonen ›Demokratie‹, in der ethnos und demos ineinanderfallen (Dietze/Roth 2020).

Daneben hat sich seit 2014 eine breite Allianz von Akteuren als Unterstützer*innen der ZSNR zusammengefunden, die über eine erstaunliche Bandbreite an Positionen und Gruppen verfügt, die aus unterschiedlichen Überzeugungen das Sterbenlassen im Mittelmeer anprangern und der staatlichen Untätigkeit entgegenwirken wollen (siehe Beitrag von Maria Ullrich und Lena Laube in diesem Heft). Diese Allianz reicht von u.a. kirchlichen Vertreter*innen, die auf das Retten von Menschen als humanitär-religiöse Pflicht bestehen, über engagierte Akteure aus Politik und Verwaltung, die sich dem (internationalen) Recht verpflichtet sehen und ihren Handlungsraum zur Umsetzung ausloten sowie linke Kämpfe, die den staatlich-militarisierten Komplex des EUropäischen Grenzregimes herausfordern, bis hin zu kolonialismus- und rassismuskritischen Interventionen, die in der ZSNR auch neokoloniale Rettungsstereotype reproduziert sehen (Dhawan 2015; Ehrmann 2019; Vehrkamp/Gebhardt 2023). Mit einem demokratietheoretischen Blick auf Migration und Flucht, der postkoloniale Perspektiven berücksichtigt, müssen wir fragen, ob und inwieweit ZSNR einen eurozentrischen weißen Paternalismus zur Rettung alterisierter Migrant*innen reproduziert, der bestehende (rassistische) Herrschafts- und Machtverhältnisse aufrechterhält statt sie demokratisch umzugestalten. Dieses Risiko besteht gerade im Diskurs um die ZSNR und entsprechenden visuellen Darstellungen von white saviorism – gerade zu Beginn. Grundsätzlich zeigt unsere Forschung zu den Narrativen der Unterstützer*innen der ZSNR, dass der Diskurs um Seenotrettung stark selbstreferenziell geprägt ist und Vorstellungen europäischer Demokratie(n) verhandelt werden. Er läuft damit zumindest Gefahr, globale Machtungleichheiten zu übersehen. Die Erzählungen der Unterstützer*innen zeigen aber auch, dass in der Akteurslandschaft, die sich um und als ZSNR formiert, die kritische Beschäftigung mit der eigenen Positionierung von Seenotretter*innen seit den Anfängen 2014/15 zugenommen hat; so haben Aktivist*innen z.B. die postkoloniale Kritik ernstgenommen und auf ihre Alltagspraxis übertragen (Gebhardt 2023: 15f.), was sich z.B. in veränderten medialen Darstellungen auf den verschiedenen Medienkanälen der SAR NGOs zeigt. Sie haben aber auch die Stimmen der Geflüchteten selbst gehört und z.B. die Rolle des cultural mediator auf ihren Schiffen integriert (Civil MRCC 2024).

Die Analyse der Aushandlungsprozesse um die ZSNR verdeutlicht eine Diskrepanz, die grundlegend auch für das EUropäische Grenzregime gilt, das demokratische Werte zwar einfordert, aber zugleich eklatant unterläuft. Statt Kämpfe der Migration, die die normativen Ansprüche der Menschenrechte und die Verantwortung für das Sterbenlassen im Mittelmeer ernst nehmen, wird in der europäischen Grenzpolitik zugunsten nationalistischer bzw. rassistischer Politiken die ZSNR im Mittelmeer kriminalisiert und delegitimiert (Cusumano/Villa 2021).

Vor diesem Hintergrund markieren zehn Jahre ZSNR nicht nur ein Kapitel migrationspolitischer Auseinandersetzungen, sondern der Streit um sie wird zugleich zum Prüfstein demokratischer Ordnungen. Sie macht sichtbar, wie sich im mediterranen »border death regime« (Cuttitta/Häberlein/Pallister-Wilkins 2020: 35ff.) grundlegende Fragen nach Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und politischer Teilhabe zuspitzen. ZSNR ist damit nicht nur ein empirisches Feld zur Erforschung von Dynamiken EUropäischer Migrations- und Grenzpolitik, sondern zugleich ein relevanter Zugriffspunkt für eine kritische Demokratieforschung.

Themenkomplexe: Von der gemeinsamen Wissensproduktion zu den Beiträgen

Die einzelnen Beiträge thematisieren insgesamt drei Themenkomplexe, die sich auch überschneiden. Zunächst widmen sich die Beiträge den Akteuren und ihrem Beziehungsgeflecht im mediterranen Grenzregime, wobei sowohl Gewalterfahrungen als auch widerständige Praktiken diskutiert werden. Ein weiterer Themenkomplex setzt sich mit den Politiken des Sterbenlassens, der Trauerarbeit und den Care-Praktiken von Aktivist*innen und Angehörigen auseinander. Ein dritter und letzter Themenkomplex fokussiert auf die Schnittstelle von Demokratie, Protest und Solidarität im Angesicht des EUropäischen Grenzregimes.

Die drei Themenkomplexe werden nicht nur mit schriftlichen Beiträgen ausgearbeitet, sondern erfahren auch eine eigenständige visuelle Thematisierung durch die Illustrationen von Adrian Pourviseh, der im gemeinsamen Gespräch mit uns und auf Basis seiner eigenen aktivistischen Erfahrungen u.a. an Bord ziviler Rettungsschiffe (Pourviseh 2023) die Beobachtungen und Thesen dieses Hefts untermalt und auf diese Weise greifbarer macht.

Themenkomplex I: Akteure und Beziehungsgeflechte – Gewalterfahrungen und widerständige Praktiken

Der Fall der ZSNR im Mittelmeer verdeutlicht, dass nicht nur die EU, ihre Mitgliedstaaten sowie (supra-)nationale Grenzschutzagenturen Teil des mediterranen Grenzregimes sind. Vielmehr sind dies ebenso nordafrikanische Partner*innen und deren Küstenwachen, privat finanzierte Organisationen, die sich der Beobachtung bzw. Dokumentation des Fluchtgeschehens sowie der Rettung von Menschen verschrieben haben, sowie Schiffe des Handels wie des Militärs; und schließlich auch die Flüchtenden selbst, deren Mobilität überhaupt erst die rechtlichen und politischen Reaktionen der EU auf gesteigerte bzw. sich verändernde Migrationsbewegungen evoziert. Das Grenzregime vereint sowohl repressive Regierungstechnologien als auch widerständige Praktiken. Dabei befinden sich die unterschiedlichen Akteure in einem komplexen Beziehungsgeflecht, in dem sie sich wechselseitig beeinflussen und das stets (neu) rekonfiguriert wird. Daher sprechen wir in Ergänzung zum Grenzregimebegriff von einer »Assemblage« (Sohn 2015; Nail 2017). Hiermit beschreiben wir die Bandbreite an Akteuren sowie die beweglichen Akteurskonstellationen, die sich aus komplexen und mitunter wechselhaften Beziehungen ergeben. Diese Assemblage soll auch durch die Zusammenschau der Beiträge und Beitragenden in diesem Heft deutlich werden, ohne dass wir Vollständigkeit beanspruchen wollen.

Zentrale Akteure dieser Assemblage sind die Mittelmeeranrainerstaaten; im vorliegenden Heft fokussieren wir besonders auf Italien und Tunesien. Doch auch andere Staaten sind eng darin verwoben: In Deutschland etwa, wo zahlreiche NGOs ihren Sitz haben und/oder unter dessen Flagge in See stechen, können SAR Aktivist*innen auf eine breite Unterstützer*innenlandschaft zurückgreifen. Zugleich werden sie jedoch Ziel politischer und gesellschaftlicher Anfeindungen. Darüber hinaus zeigt sich, dass Staaten des Globalen Nordens in postkoloniale Beziehungsgeflechte eingebunden sind, wie dies Amade M’charek und Khaled Tabbabi in ihrem Beitrag »Ghoraba: Attending to a Politics of Neglect and Extractivism through a Migration Drama in Zarzis« herausarbeiten. Die Autor*innen argumentieren, dass die Mobilität von Personen und Dingen zwischen Tunesien und Europa von einem extraktivistischen Regime geprägt und dass das Ausbleiben einer Verantwortungsübernahme durch staatliche Akteure im Lichte postkolonialer Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse einzuordnen ist.

Wie sich staatliche Akteure verändern und ihre Formen der Zusammenarbeit wandeln, verdeutlicht das Interview von Paolo Cuttitta und Luca Queirolo Palmas mit dem ehemaligen Admiral Vittorio Alessandro, das eine Innenperspektive auf die italienische Küstenwache eröffnet. Sichtbar werden darin nicht nur innerorganisatorische Aushandlungsprozesse, sondern auch eine generelle Entwicklung hin zu einem stärker polizeilichen Umgang mit »migrantisierten Seenotfällen« (Gebhardt et al. 2025). Die dabei greifenden Verwaltungslogiken, die nach außen hin wenig sichtbar bleiben, entfalten in ihren gewalttätigen Auswirkungen eine »Banalität des Bösen« (Arendt 2017 [1964]). Erst vor diesem Hintergrund werden die zunehmenden Einschränkungen der Zusammenarbeit staatlicher Akteure mit SAR NGOs erklärbar.

Gleichzeitig rücken immer wieder die Erfahrungen Einzelner und kleiner Gruppen in den Vordergrund. Khalid Abaker zeigt in seinem Beitrag »The Human Journey: An Exploration of Existential Mobility«, dass Gewalt ein zentrales Strukturmoment des Grenzregimes darstellt – nicht nur im zentralen Mittelmeer, sondern generell dort, wo Flucht und Kämpfe um Mobilität stattfinden. Betroffen von Grenzgewalt sind vor allem die Menschen auf der Flucht, aber auch Akteure der Seenotrettung und ihre Unterstützer*innen, die durch ihre Solidarität selbst ins Visier von Anfeindungen und Kriminalisierung geraten. Gewalt manifestiert sich zudem in der Konfrontation mit den Toten. Die Sorge um sie verbleibt häufig als Aufgabe allein bei den NGOs, wie Sarah Spasiano in ihrem Beitrag »On Board with the Dead: Necropolitics and Civil Deathcare in the Mediterranean Border Regime« herausarbeitet. Maurice Stierls Beitrag »And Yet They Move! Mobility conflicts and migrant manoeuvres in the Mediterranean Sea« richtet den Blick auf people on the move und verdeutlicht, dass jede Begegnung mit Akteuren der Grenzkontrolle konflikthaft ist und jeweils situativ neu ausgehandelt wird. Gewalt ist insofern nicht das Ende einer Geschichte, sondern Ausdruck eines fortwährenden Aushandlungsprozesses.

Schließlich geht es auch um kollektive Formierungen. Laila Riedmiller zeigt im Beitrag »Rettung als Ausdruck kultureller Selbstaufgabe? Zivile Seenotrettung als Feindbild der extremen Rechten«, wie die ZSNR zu einer Chiffre im rechten Kulturkampf wird. Aus einer politiktheoretischen Perspektive diskutiert Laila Riedmiller, wie sich extrem rechte Gruppen organisieren und Gewalt diskursiv wie praktisch verstärken. Gleichzeitig stellen sich zahlreiche solidarische Kollektive dagegen: Angehörigennetzwerke, Aktivist*innen und Anwält*innen etwa, die Sarah Hüther in ihrem Beitrag »Solidarität gegen den Strom – Bericht einer dokumentarischen Reise« begleitet, fordern ein anderes Grenzregime. Ihr Protest entfaltet ein emanzipatorisches Potenzial über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Solche transnationalen Netzwerke bringen unterschiedliche Expertisen zusammen und sind Teil einer demokratisierenden Widerständigkeit. Auch die SAR NGOs sind hier zu verorten: Sie reagieren auf das normalisierte Sterbenlassen mit einem routinisierten Retten. Ihr zehnjähriges Engagement und die damit einhergehende Professionalisierung zeigen, wie sie selbst in das EUropäische Grenzregime eingebettet sind – und wie sehr sie dessen polizeiliche Logik zugleich herausfordern.

Themenkomplex II: Sterbenlassen, Trauerarbeit und Care

Widerständige Praktiken zeigen sich in verschiedenen Momenten, in denen Personen/-gruppen gegen das normalisierte Sterbenlassen durch EUropäische Institutionen, Grenzapparaturen und Indifferenz aufbegehren. Der oben genannte Beitrag von Sarah Hüther basiert auf ihrem Filmprojekt, von dem wir Stills zwischen ihrem Text sehen können. Der Teaser zum Filmprojekt kann über einen QR-Code abgespielt werden. Der Film zeigt Szenen von weiblichem bzw. feministischem Aktivismus auf: Protagonist*innen sind eine italienische Menschenrechtsaktivistin, die Crew der MV Louise Michel sowie eine Mutter, deren Söhne im Mittelmeer als vermisst gelten.

Ebenfalls aus einer feministischen sowie postkolonialen Perspektive reflektiert der demokratietheoretische Beitrag von Mareike Gebhardt »Another Solidarity is Im-Possible: Mourning and Saving Lives in the Mediterranean Deathscape« auf Praktiken un-möglicher Solidarität. In Bezug auf die Arbeiten Jacques Derridas beschreibt sie damit Solidaritätspraxen, die in den normalisierten Ordnungen des EUropäischen Grenzregimes als unwahrscheinlich gelten oder tabuisiert werden, die jedoch immer wieder praktiziert werden. Um dies zu verdeutlichen, wählt Mareike Gebhardt Beispiele aus der (aktivistischen) Trauerarbeit, in denen Personen auf eine »agonistische« (Athanasiou 2017) Weise um die Toten und Vermissten der mediterranen Todeslandschaft trauern.

Hier wiederum schließt Sarah Spasianos Beitrag an, der aus einer sorgetheoretischen Perspektive und anhand empirischen Materials aufzeigt, wie die SAR NGOs im Umgang mit Toten auf keinerlei rechtliche oder politische Regelungen zurückgreifen können, sondern stattdessen gemeinsam Protokolle entwickeln, wie auf würdevolle, respektvolle und wertschätzende Weise mit den Toten des Mittelmeers umgegangen werden kann.

Diese drei Beiträge teilen einen feministischen Zugang sowie eine Fokussierung auf aktivistische Praktiken, wenngleich sie von unterschiedlichen Positionen aus geschrieben sind. Sie denken alle auf ihre Weise über konkrete Praktiken und Konzeptionalisierungen von Solidarität nach. Damit befinden sie sich auch an der Schnittstelle zum dritten Themenkomplex, der sich den Verflechtungen von Demokratie, Protest und Solidarität widmet.

Themenkomplex III: Demokratie, Protest, Solidarität

Ausgehend vom geteilten Anspruch, dass Migrant*innen nicht sterben gelassen werden sollen, finden die Aktivist*innen der ZSNR Unterstützung durch Kritiker*innen des EUropäischen Grenzregimes und Verfechter*innen internationaler Schutzrechte. Gemeinsam stehen sie für den Schutz der Demokratie ein und insistieren auf die unangefochtene Geltung der Menschenrechte. So verteidigt die ZSNR nicht nur die Menschenrechte, sondern auch den Minderheitenschutz als zentralen Baustein einer demokratischen Architektur. Entgegen rechter Parolen verteidigen diese solidarischen Allianzen die Demokratie ›an ihren Grenzen‹ und hinterfragen zugleich die Praktiken der Grenzziehung. So zeigen die Beiträge von Mareike Gebhardt, Sarah Hüther und Sarah Spasiano auch auf, dass die ZSNR und die um sie entstehende soziale Bewegung radikale Demokratie praktizieren, z.B. wenn sich feministische Allianzen gegen eine männlich dominierte Seenotrettungskultur bilden oder Solidaritäten from below – auf lokaler Ebene und über nationale Grenzen hinweg – geschmiedet werden, die die demokratischen Werte von Freiheit und Gleichheit verteidigen und praktisch realisieren.

Zentral für diese Solidaritäten wurde das Symbol des Rettungsschiffes, das in vielen visuellen Repräsentationen eine bedeutsame Rolle für die Mobilisierung von Unterstützung einnimmt. Wofür diese Schiffe alles stehen können, untersuchen Maria Ullrich und Lena Laube anhand von empirischen Daten aus dem ZivDem-Projekt »NGO Rescue Ships in the Eyes of their Supporters: Overcoming Inaction and Standing Up for Democratic Values«. Sie zeigen auf, dass die Rettungsschiffe für ihre Unterstützer*innen die Möglichkeit einer Antwort auf die normalisierten Todesfälle im Mittelmeer repräsentieren und zugleich ein Gegenbild zur Untätigkeit der Staaten darstellen. Unterstützer*innen sehen in ihnen einen Ausdruck der Zivilgesellschaft, die dort handelt, wo staatliches Handeln versagt, sowie eine greifbare Umsetzung demokratischer Werte. Diese Unterstützung ist häufig mit weitergehenden politischen Visionen verknüpft, die auf eine neu gedachte Demokratie zielen – basierend auf der bedingungslosen Anerkennung der Menschenwürde. Die konzeptuelle Unterscheidung zwischen SAR NGOs und ihren Unterstützer*innen verweist auf die Vielfalt und Bandbreite an Akteuren in und um die ZSNR, welche ebenfalls im Beitrag von Charlotte Weiß »Aktivistisches Engagement. Der Wandel im zivilgesellschaftlichen Engagement am Beispiel der Landcrew des Sea-Eye e.V.« – sowohl durch einen chronographischen Ansatz als auch durch eine Fokussierung auf die sogenannten Landcrews – zum Tragen kommt. Charlotte Weiß zeichnet aus einer Binnenperspektive nach, wie sich das persönliche Selbstverständnis der Aktivist*innen der ZSNR in den letzten zehn Jahren angesichts der politischen Entwicklungen im Mittelmeer politisiert hat. Dabei mündet der Beitrag in der Feststellung, dass eine stärkere intersektionale Vernetzung unterschiedlicher Akteure und Perspektiven notwendig ist, um Menschen auf der Flucht wirkungsvoll zu unterstützen.

Zivile Seenotrettung aus der Perspektive einer kritischen Demokratietheorie erforschen – eine Schlussbemerkung

Ein demokratischer Streit ist davon gekennzeichnet, dass Meinungen und Politiken herausgefordert werden, ohne sie zu diffamieren, als minderwertig zu brandmarken oder oppositionelle Überzeugungen zu eliminieren. In den letzten Jahren ist dieser demokratische Grundgedanke von autoritären Bewegungen und ethno-nationalistischen Parteien stark angefeindet worden: Und zwar, und dies ist durchaus bemerkenswert, vermeintlich zur Rettung der Demokratie selbst. (Extrem) Rechte Sprachspiele bedienen sich bestimmter Bedrohungsszenarien, die klare Feindbilder markieren: Die Demokratie sei durch ›Fremde‹ und ihre Verteidiger*innen in Gefahr. Zu ihren Verteidiger*innen zählen Personen und Gruppen, die sich z.B. in der Geflüchtetenhilfe engagieren, aber eben auch zivile Seenotretter*innen. Zu den ›Fremden‹ zählen par excellence Migrant*innen, Geflüchtete und Asylsuchende. Die Analyse des Diskurses zur zivilen Seenotrettung zeigt auch deutlich auf, dass Rassismus und »Ethno-Sexismus« (Dietze 2016) nicht nur randständige Positionen darstellen, die eine wehrhafte Demokratie auszuhalten habe. Vielmehr sind beide in die Geschichte der liberalen Demokratien des Globalen Nordens eingebettet – und suchen das EUropäische Grenzregime immer wieder heim: rassistische Sagbarkeitsfelder wurden seit dem »langen Sommer der Migration« (Hess et al. 2016) beständig ausgeweitet, anti-migrantische Ressentiments normalisiert und das Privileg des Weißseins unkritisch reproduziert.

Im Gegensatz dazu insistieren Aktivist*innen und Unterstützer*innen der ZSNR auf ethico-politische Praxen, die das (Retten der) ›Anderen‹ in den Vordergrund rücken und für die der Schutz von Minderheiten zu den unverhandelbaren Grundpfeilern der Demokratie gehört. In unserer Forschung sind wir dabei auf transnationale Solidarisierungen gestoßen, die das eigene Handeln mit den Kämpfen für globale Gerechtigkeit und Menschenwürde verzahnen; sie rekurrieren auch auf historische (mitunter länderspezifische) Erfahrungen, wie den Holocaust, politische Konfliktlinien (Laube/Ullrich 2023) und Vorstellungen eines anderen Europas, das (tatsächlich) für internationale Menschenrechte einsteht – und damit die möglichen demokratischeren Zukünfte einer europäischen Demokratie präfiguriert. Hier sehen wir also noch einmal, wie sich der Streit um Demokratie in der Praxis der ZSNR sowie im Diskurs um sie kristallisiert. Durch die Aktivist*innen und Unterstützer*innen der ZSNR lernen wir, dass die gegenwärtige Demokratie durchaus Demokratisierungspotentiale hat und dass diese in alltäglichen Kämpfen um Gleichheit und Freiheit umgesetzt werden können. Aus einer radikaldemokratietheoretischen Perspektive sind diese Handlungen, Akte, Gesten und Kämpfe Teil einer demokratisierenden Praxis, die die Frage von Zugehörigkeit und Ausschluss verhandelt. Diese Frage muss in einer demokratischen Gesellschaft immer offenbleiben, um eine (konsolidierte) Demokratie nicht ins Totalitäre abgleiten zu lassen. Denn Demokratie, mit Derrida (2019: 117) gesprochen, bleibt nur solange demokratisch, wie sie nicht zu sich selbst kommt: sie nicht in eins fällt und mit sich identisch wird. Demokratie kann immer nur demokratischer werden, nicht demokratisch sein (Gebhardt 2023: 8).

Der Kristallisationspunkt ist also keine Metapher der Verfestigung für uns, sondern eine der Verdichtung: In diesem Moment können wir die verschiedenen Akteurskonstellationen, Positionierungen, Konfliktlinien, Überzeugungen, Werte, Körper, Dinge und Praktiken greifen: sie für einen Moment festhalten, um sie analysieren, betrachten und damit auch begreifen zu können. Der Kristallisationspunkt ist damit auch ein methodologischer Zugriffspunkt für ZivDem. An der Schnittstelle von Demokratietheorie und Fluchtforschung (Ullrich et al. 2023) haben wir mit dem ZivDem-Projekt den Diskurs und die Praxis der ZSNR in den letzten Jahren untersucht und Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung, radikale Demokratietheorie, postkoloniale und rassismuskritische Ansätze mit den Methoden der politischen Soziologie und der Kulturanthropologie verzahnt. Hieraus entsteht für uns eine theoretisch-methodologische Perspektivierung, die wir als kritische Demokratietheorie und -forschung verstehen möchten.

Diese Perspektivierung ist für die Untersuchung der ZSNR im Mittelmeer auch deshalb so hilfreich, weil sich die verschiedenen Akteure auf eine spezifische Art einer Semantik des Demokratischen bedienen – und dabei sehr unterschiedliche Vorstellungen von ›Demokratie‹ aufrufen. Wir beobachten u.a. moralisch-humanitäre Anrufungen, die sich auf die europäische Werteordnung und den internationalen Menschenrechtsschutz berufen (kritisch: Fassin 2011; Ticktin 2016; Stierl 2018); auch ökonomische Kalküle der ›Aufnahmefähigkeit‹ und Obergrenzen werden im Namen des Schutzes der Demokratie bemüht, die Demokratie auch quantifizieren und ihr Limitationen zuweisen (kritisch: Schulze Wessel 2018). Außerdem nutzen politisierende Interventionen durch Migrant*innen und Aktivist*innen das Repertoire der Demokratie – Demonstrationen, Proteste, soziale Bewegungen –, wenngleich ihr Handeln nicht immer explizit im Namen der Demokratie erfolgt; so fordern sie eine Demokratisierung der Demokratie: das Einhalten des Versprechens der liberalen Demokratie. Damit agieren sie im Sinne des radikaldemokratietheoretischen Denkens. Während zivile Seenotretter*innen und ihre Unterstützungsstrukturen durch diese Politisierung (Cuttitta 2018) die Demokratiedefizite der bestehenden demokratischen Systeme anprangern und herausfordern, werden ihre Praktiken kriminalisiert (kritisch: Kastner et al. 2021; Graziano/Mars/Medak 2025) oder sogar als ›demokratiegefährdend‹ von rechts dämonisiert (Cusumano 2022). Im Streit um die ZSNR manifestieren sich daher nicht nur Fragen zum Umgang EUropas mit Geflüchteten. Vielmehr stellt er einen Kristallisationspunkt des Streits um die Zukünfte der (europäischen) Demokratie dar.

Danksagung

Wir danken der Gerda Henkel Stiftung (GHS) und dem Forum Internationale Wissenschaft für die Finanzierung der Forschungsgruppe ZivDem. Wir möchten uns ebenfalls für die großzügige Förderung des Autor*innen-Workshops im Rahmen von ZivDem bei der GHS bedanken und natürlich bei allen Teilnehmenden. Während des Workshops haben uns Nina Arndt und Jace Proske organisatorisch unterstützt – auch hierfür: Danke! Das Ergebnis des Workshops ist dieses Heft, das all jenen Personen gewidmet ist, die den Weg über das Mittelmeer nahmen, nehmen und nehmen werden.

Literatur

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Anmerkungen

1 Dieser Ansatz entspringt unserem Forschungsprojekt »Zivile Seenotrettung als Kristallisationspunkt des Streits um Demokratie« (ZivDem, 2022–2026, gefördert durch die Gerda Henkel Stiftung und das Forum Internationale Wissenschaft, Universität Bonn), auf das wir unten näher eingehen werden. Unsere Forschungsgruppe besteht, in alphabetischer Reihung, aus Mareike Gebhardt, Lena Laube, Sarah Spasiano und Maria Ullrich.  ↩︎
2 Internetpräsenz: https://www.fiw.uni-bonn.de/demokratieforschung/de/zivdem  ↩︎
3 Eine zuletzt zentrale Einschränkung basiert auf dem sogenannten Piantedosi-Dekret. Das 2023 in Italien verabschiedete Gesetz verpflichtet Kapitän*innen dazu, Daten von geretteten Migrant*innen zu sammeln, die Asyl beantragen wollen, und verbietet NGO-Schiffen, mehrere Rettungsaktionen durchzuführen, bevor sie zu einem sicheren Hafen zurückkehren (Dziedzic 2024).  ↩︎
4 Der Asteriskus indiziert die Nutzung von Pseudonymen. Aktivist*innen der zivilen Seenotrettung sind massiver Kriminalisierung ausgesetzt, weshalb hohe Sicherheitsstandards im Datenschutz von uns angewandt werden. Allerdings kann die Zuschreibung von Namen auch als epistemische Gewalt verstanden werden. Der Asteriskus macht für uns daher auch das forschungsethische Dilemma deutlich, dass zwischen der Nutzung von Pseudonymen einerseits und dem Schutz unserer Gesprächspartner*innen und Wissenskoproduzent*innen andererseits besteht.  ↩︎