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movements. Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung

Über die Zeitschrift

movements widmet sich interdisziplinär den Bewegungen der Migration sowie den Versuchen diese zu kontrollieren und zu regulieren.

Die Zeitschrift verfolgt das Ziel, eine Migrations- und Grenzregimeforschung voranzutreiben, die selbstreflexiv und machtkritisch in das Wissensfeld der Migration interveniert. Im Sinne kritischer Gesellschaftsforschung will movements dazu beitragen, ein adäquates Verständnis der komplexen, heterogenen und machtförmigen Realitäten der Migration zu entwickeln und eine fundierte Kritik an den gegenwärtigen Formen der Regierung der Migration zu artikulieren.

Mitteilungen

13. März 2026

Call for Support!

15. März 2025

CfP 10(1): Zum Grenz-Autoritarismus-Nexus

Aktuelle Ausgabe

Seit nunmehr zehn Jahren sind zivile Seenotrettungsorganisationen im zentralen Mittelmeer aktiv, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten und dokumentierte Grenzgewalt zur Diskussion zu stellen. In den Jahren 2014/2015 gründeten sich die ersten Organisationen und stachen in See. Seitdem ist viel passiert – viele SAR (Search and Rescue) NGOs haben sich zunehmend professionalisiert und auch politisiert; einige von ihnen haben ihre Tätigkeiten im Mittelmeer eingestellt oder widmen sich anderen Themen; neue SAR NGOs kommen bis heute hinzu. Die zivile Seenotrettung (ZSNR), anfangs kaum beachtet, hat inzwischen eine enorme Wirkkraft entfaltet und breite Allianzen der Solidarität geschmiedet. Während zu Beginn zunächst unterstützende oder zumindest wohlwollende Stimmen dominierten, polarisiert das Thema der ZSNR zunehmend und sieht sich mit massiven Anfeindungen und wachsender Kriminalisierung konfrontiert (Cusumano/Villa 2021; Alagna 2024). Die SAR NGOs haben sich zu einer Pluralität an Stimmen ausdifferenziert: Einige NGOs betonen den humanitären Imperativ des Rettens; andere insistieren auf die politische Dimension der Seenotrettung, die sich mit anderen linken Kämpfen, z.B. Klimagerechtigkeit, Feminismus, Anti-Rassismus, solidarisiert.

Vieles ist jedoch auch unverändert: noch immer sterben people on the move im Mittelmeer; noch immer (ja, mehr noch zunehmend) sind Grenz- und Migrationspolitik – national wie supranational – auf Eindämmung, Repression, Kontrolle und Versicherheitlichung angelegt; noch immer übernimmt die Europäische Union (EU) kaum Verantwortung für das systematische Sterbenlassen von Schwarzen Personen und People of Color auf ihrem Weg nach EUropa. In dieser gesellschaftspolitischen Gemengelage und angesichts der komplexen soziokulturellen Aushandlungsprozesse betrachten wir in diesem Heft die ZSNR sowohl als konkrete Praxis des Nicht-Sterbenlassens als auch als Diskurs; letztlich als einen Kristallisationspunkt eines Streits um Demokratie.1 In der Praxis und dem Diskurs kristallisieren sich Fragen nach der Ausgestaltung der normativen Ordnung EUropas ebenso heraus wie die Frage nach möglichen Zukünften eines demokratischeren Europas, das dem Schutz der Menschen- und Minderheitenrechte verpflichtet und sich seiner (kolonialen) Machtverhältnisse viel deutlicher bewusst ist. Die Betrachtung von ZSNR als Praxis und Diskurs ermöglicht die Erfassung der Heterogenität der Akteure sowie ihrer Tätigkeiten, der zeitlichen Entwicklungen der ZSNR innerhalb der – historischen wie soziopolitischen – Chronologien des mediterranen Grenzregimes und der situativen Kontexte, in denen zivile Seenotretter*innen und ihre Unterstützer*innen (Laube/Ullrich 2023) agieren.

Um die verschiedenen Facetten und Elemente dieses Kristallisationspunktes herauszuarbeiten, widmen wir uns in diesem Heft anlässlich eines bemerkenswerten ›Jubiläums‹ der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer einer Reflexion über ihre Rolle als inzwischen zentraler Akteur des mediterranen Grenzregimes – und eben als Kristallisationspunkt des Streits um die (Zukünfte der europäischen) Demokratie.